Blutegeltherapie

Der Einsatz medizinischer Blutegel (Hirudo-Therapie) ist eine sehr alte Heilmethode, die noch vor weniger als einem Jahrhundert fast alltäglich praktiziert wurde. In der Human- und Tiermedizin werden die heilenden Eigenschaften der kleinen Helfer heute neu entdeckt, zum Beispiel bei Durchblutungs- und Heilungsstörungen nach chirurgischen Eingriffen.

In der Pferdepraxis erzielten wir mit Hilfe von Blutegeln erstaunliche Heilungserfolge bei Thrombosen und Entzündungen der Halsvenen (Thrombophlebitis). Diese gefürchtete Komplikation nach Operationen oder Infusionstherapien gelten allgemein als schwer therapierbar.

Weitere Einsatzgebiete sind Durchblutungsstörungen durch große Narben, Hufrehe, Gelenks- und Sehnenscheidengallen, schlecht heilende Wunden, diffuse Abszesse, Chronische Gelenksentzündungen, zur Unterstützung bei Lymphstauungen und vieles mehr.

Das habe ich mir als kurze Beschreibung vorgestellt. Was meinst du?

Lange ausführliche Version wenn man Hirudotherapie anklickt.

Habe ich mir etwa das folgende gedacht. Was hälst du davon????

Wie wirken Blutegel?

Die von mir bei der Therapie eingesetzten Blutegel sind schweizer Zuchttiere und werden hungrig geliefert. Sie werden auf die Haut des Tieres gesetzt und beißen sich dort fest. Dort saugen die Egel das 5-10fache ihres Körpergewichtes an Blut auf (25-40ml/Egel). Dadurch entsteht eine entstauende Wirkung.

Beim Biss injizieren die Blutegel zusätzlich ihren Speichel, der etwa100 verschiedene und bis heute  20 medizinisch bekannte Wirkstoffe enthält.

Die bekanntesten  Wirkstoffe sind Hirudin, Eglin und Hyaluronsäure. Der Speichel wirkt blutverdünnend, entzündungshemmend,antibiotisch, antiviral und schmerzlindernd.

Der Saugakt dauert in der Regeö 30 bis 60 Minuten, danach ist er voll und lässt er sich fallen. Anschließend bluten die Bissstellen 4-24h nach. Dadurch wird die Wunde gereinigt und der Stoffwechsel im behandelten Gebiet angeregt. Die Nachblutungen sollten daher nicht gestoppt werden.

Was lässt sich mit Blutegeln behandeln?

Der Blutegelbiss hat grundsätzlich eine Doppelwirkung: einerseits die heilsame Wirkung des Substanzcocktails im Blutegelspeichel, andererseits die entstauende Wirkung durch Absaugen und Aderlass

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und beruhen auf den verschiedenen Wirkungen des Egelspeichels:

Entzündungshemmend und schmerzlindernd wirkt die Egelbehandlung bei Arthrose, Spat, Schale, Kissing Spines, Strahlbein- und Sehnenproblemen.

Entstauend und damit schmerzlindernd wirken die Egel bei Hufrehe, Prellungen, Blutergüssen, Druckstellen, Euterentzündungen und Phlegmone.

Hier eine kurze Auflistung möglicher Indikationen für Blutegel:

  • Hufrehe, akut und chronisch
  • Akute (Arthritis) und chronische (Arthrose) Entzündung der Gelenke
  • Mastitis
  • Frische Piephacke, Stollbeule
  • Druckstellen (Sattel-, Geschirrdruck)
  • Spat
  • Schale
  • Narbenbehandlung
  • Fesselträgerentzündung, Fesselgelenksgalle
  • Hufrollenentzündung, Entzündung der Strahlbeinbänder
  • Lymphangitis im Anfangsstadium
  • Erkrankungen des Bänder- und Sehnenapparates
  • Myogelosen
  • Ekzeme
  • Schlecht heilende Wunden
  • Akute Diskopathien
  • Spondylitis
  • Cauda Equina
  • Blutergüsse, Quetschungen, Prellungen
  • Thrombosen, Ödeme
  • Abszesse, Furunkel, Phlegmone
  • Bisswunden
  • Gonarthrose, HD, ED
  • Othämatome (Blutohr)
  • Apoplexie

Einige Wirkstoffe im Egelspeichel:

HIRUDIN: Hemmung der Blutgerinnung, lymphstrombeschleunigend, diuretisch, antibiotisch und durch lokale. Gefäßerweiterung antispasmodisch

CALIN: bewirkt die Nachblutung der Wunde welches eine reinigende Funktion einnimmt und mit einem Aderlass zu vergleichen ist.

EGLINE: hemmen lysosomale und bakterielle Verdauungsproteasen, die besonders bei entzündlichen und traumatischen Prozessen frei werden

BODELLINE: hemmen Plasmin, ein fibrino-lytisches Enzym.

DESTABILASE: Auflösung von Blutgerinnseln

HYALORONIDASE: Antibiotische Wirkung, lokale Gefäßerweiterung

APYRASE: Hemmung der Thrombozyten-Aggregation

Histaminähnliche Substanzen wirken gefäßerweiternd und durchblutungssteigerung

HEMENTIN und ORGELASE: haben eine hyperämisierende und durchblutungs-fördernde Wirkung. Sie tragen zur Retraktion von Blutgerinnseln bei.

APYRASE, KOLLAGENASE: wirken mit unterschiedlichen Mechanismen bei der Gerinnungshemmung

Alle freigesetzten Wirkstoffe blockieren die überschießenden enzymatischen Vorgänge bei Entzündungen und wirken dadurch antiphlogistisch.

Desweiteren lebt der Blutegel mit Aerumonas Bakterien in einer Symbiose. Die Bakterien helfen bei der Verdauung des Blutes und liefern zusätzlich ein sehr potent wirkendes Antibiotika.

Zusammenfassend wirken – soweit bekannt – die Stoffe im Blutegelspeichel:

  • Antiphlogistisch
  • Schmerzlindernd bis zur Analgesie
  • Durchblutungsfördernd
  • Lymphstrom erhöhend
  • Antispasmodisch
  • blutverflüssigend
  • antibiotisch
  • Durch die lokale Gefäßerweiterung krampflösend
  • Generell haben sie eine positiven systemischen Einfluss auf das Immunsystem
Nebenwirkungen und Gefahren:

Direkte Nebenwirkungen der Blutegeltherapie sind nicht bekannt. Der Biss selber ist in den ersten 2-3 Minuten, in welchen die Hyaluronidase eingespritzt wird um das Gewebe durchlässig zu machen, etwa so schmerzhaft, wie ein Insektenstich oder der Kontakt mit einer Brennnessel.

Bei Tieren mit einer starken Anämie (Blutarmut), oder einem schlechten Immunsystem sollte auf eine Behandlung verzichtet werden. Zudem kann es besonders nach häufigen Blutegelbehandlungen zu allergischen Reaktionen auf die Egel kommen.

Mögliche Nebenwirkungen der Blutegeltherapie

  • Häufig auftretende Nebenwirkungen:
  • Rötung/Verfärbung der Bissränder bis zu ca. 14 Tagen
  • Schwellungen, auch verbunden mit lokalem Spannungsgefühl (übergeleitet v. menschl. Reaktion)
  • Juckreiz für ca. 2-3 Tage
  • Hämatome um die Bißstellen
  • Lymphknotenschwellungen
  • Narbenbildung ist möglich
  • Stärkere Nachblutungen
  • Entzündungen, häufig begleitet mit Juckreiz
  • Lokal begrenzte allergische Symptome

Da sich die Blutegel von Blut ernähren besteht immer die Gefahr das sie etwas Blut vom vorherigen Wirt auf den Patienten übertragen. Um das zu verhindern, müssen die medizinischen Egel völlig ausgehungert sein und für mindestens 8 Monate in Quarantäne sind. Ich verwende daher ausschliesslich schweizer Zuchttiere der Firma Hirumed in St.Gallen.

Kontraindikationen

  • Anämien
  • Tiere mit einem geschwächten Immunsystem (und unter Cortisondauerbehandlung)
  • Geschwächte Tiere.
  • Blutgerinnungsstörungen
  • Leber- und Nierenerkrankungen
  • Extreme Allergien
  • Bekannte allergische Reaktionen auf die Blutegelinhaltsstoffe
  • Schwere innere Erkrankungen
  • Gastritis
  • Infektionskrankheiten
  • Diabetis mellitus
  • Tiere unter einem Gewicht von 5 kg
  • Tumore
  • Trächtigkeit
  • Viruserkrankungen
  • Sonstige akute Erkrankungen
  • Herzinsuffizienz
  • starker Durchfall
  • 48h vor einer OP

Blutegel dürfen nicht mehrfach verwendet werden, es sei denn, es kann sichergestellt werden, dass sie wieder beim exakt selben Patienten angewendet werden. Das heisst aber, dass die Egel 4-6 Monate in einem Extra-Gefäß mit genauer Beschriftung gehalten werden.

Meist werden die Egel aber nach der Behandlung durch Einfrieren (mindestens48h bei -18C) getötet.

Wer bietet Blutegel Therapie an?

Blutegel dürfen in der Schweiz nur von ausgebildeten Hirudo-Therapeuten, wie Tierärzten, Tierheilpraktikern oder Physiotherapeuten eingesetzt werden. Sie bringen die nötigen Blutegel dann auch mit. Für den therapeutischen Einsatz kommen die Blutegel aus spezialisierten Zuchtbetrieben, die strenge Anforderungen gemäß § 13 Arzneimittelgesetz erfüllen müssen.

Besonderes?

Blutegel sind, im Gegensatz zu Ihrem Ruf, ziemlich wählerisch was ihren Blutwirt angeht. Die Stelle an der die Egel beißen sollen, sollte daher schon ein paar Tage vor der Behandlung nicht mit Shampoo gewaschen werden und nicht mit Salben, Glanzspray, oder Insektenschutz behandelt werden. Auch Desinfektionsmittel mögen die Egel nicht.

Bekommt das Tier Medikamente, Knoblauch oder Kräuter mit vielen ätherischen Ölen zu fressen, kann es sein, dass die Blutegel nicht, oder nur schlecht beißen. Davon sind auch Kräutermüslis und der häufig verfütterte Ingwer betroffen. Auch Spot on-Präparate, Repellent-Halsbänder wie Scalibor, Wurmkuren, Antibiotika- oder Cortisongaben mögen Blutegel gar nicht!

Desweitern sind die kleinen Helfer auch sehr empfinglich was Wetterechsel, Gewitter und Stress (Transport, oder auch nur eine angespannte Athmospaere reichen) angeht.

Beißen die Blutegel nicht, kann es helfen die Stelle zu rasieren. Zusätzlich können die Tiere durch betropfen mit kaltem Wasser zum Saugen animiert werden. Wollen die Würmer gar nicht, kann man die geplante Bissstelle leicht mit einer Kanüle anritzen, um den Appetit anzuregen.

Geschichte der Hirodotherapie:9

Erste Hinweise auf eine gezielte medizinische Nutzung finden sich in ägyptischen Quellen etwa 1400 vor Christus. Bei den Germanen wurde das Wort „Blutegel“ z. B. nahezu synonym mit dem Wort „Heiler“ verwendet. Dhanvantari, der indische Gott des Ayurveda, trägt einen Blutegel in einer seiner vier Hände, und im Englischen wurden die Heiler des Mittelalters als „leecher“ [leech (engl.) = Blutegel] bezeichnet.

Ab dem 13. Jahrhundert kam es von Frankreich ausgehend zu einem regelrechten „Egel-Boom“. Aufzeichnungen aus dem Jahr 1827 belegen, dass allein in Frankreich mehr als 30 Millionen Egel gesetzt wurden. Diese mussten aus den umliegenden Ländern eingeführt werden. Es gab damals schon Blutegelzuchtfarmen, denn in ihrer natürlichen Umgebung wie Teiche und Tümpel waren sie schon längst ausgerottet.

Frankreich und Russland sind überigens auch heut noch die Länder, in welchen regelmässig und häuffig Blutegelterapien durchgeführt werden undd die meissten guten Zuchtfarmen in Europa sich befinden.

Gegen 1850 erreichte die Blutegelbehandlung zusammen mit dem Aderlass einen fragwürdigen Höhepunkt, den man auch „Vampirismus“ nannte.

Ab dem 20. Jahrhundert verschwand die Blutegeltherapie fast ganz. Die Schulmedizin machte immer größere Entdeckungen, wie z.B. das Antibiotika und viele Therapien der Naturheilkunde wurden verdrängt.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde die Blutegelbehandlung jedoch wieder populärer und inzwischen setzen auch Krankenhäuser (zB Unispital Bern und Zürich) Blutegel wieder ein: beispielsweise in der Unfallchirurgie oder auch bei Re-Transplantationen.

Trotz ihrer außerordentlichen Wirkung sind Blutegel keine Allheilmittel. Sie sollten daher nur für Indikationen eingesetzt werden, bei denen sie sich bewährt haben.